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Lieber analog sterben als digital experimentieren?

Aktualisiert: 24. Mai 2020


Schluss mit dem analogen Dornröschenschlaf oder weiter so wie vor dem Lockdown? Über die Veränderungsbereitschaft in deutschen Unternehmen, den Menschen als Kontextwesen und das Anpassen von Prozessen für wahre Digitalisierungserfolge spricht mit mir Innovationsforscher Martin Granica.

Haben die deutschen Unternehmen in der Lockdownphase die Chancen der Digitalisierung erkannt und gehen nun diesen Weg innovativ weiter?

Martin Granica: Ganz provokant formuliert: Die Unternehmen machen es nicht. Die meisten Unternehmen wollen lieber sterben, als zu experimentieren. Gerade bei den KMU, den kleinen und mittelständischen Unternehmen, ist es so. Ich bin seit langer Zeit im Bereich Innovationen unterwegs: Es gibt wenig Veränderungsbereitschaft und stattdessen ein hohes Maß an Angst.

Hat das digitale Frühlingserwachen nicht endgültig alle aus dem analogen Dornröschenschlaf geholt?

Martin Granica: Ja, es ist eigentlich eine gute Gelegenheit, könnte man meinen. Doch Bestandsunternehmen ticken anders. Die wollen am liebsten wieder zurück zu dem Zustand, wie er früher war. Es gibt natürlich Unternehmen, die kämpfen ums reine Überleben. Aber auch die anderen versuchen, die alte Stabilität mit alten Rezepten, alten Strukturen, alten Produkten herzustellen.

Ok, dann andersrum: Vielleicht haben diese Unternehmen ja recht. Warum kann es nach der Lockdownphase kein „weiter wie zuvor“ geben?

Martin Granica: Weil wir die immer wieder aufkommenden Fragen nicht mit den immer gleichen Antworten beantworten können. Wir alle nehmen aus dieser Lockdownphase etwas mit. Menschen sind Kontextwesen. Die Menschen, die Umstände und die Arbeit haben sich stark verändert. Es ist alles in Bewegung. Es wurde für uns alle nun sichtbar und spürbar, was die Digitalisierung mit uns macht und wir mit ihr machen können. Diese Dynamik in einer Organisation aufzunehmen ist möglich, teilweise sogar notwendig, und das erfordert Mut.

Wie könnte die Dynamik der Digitalisierung von Unternehmen aufgegriffen werden?

Martin Granica: Zunächst einmal unterscheide ich zwischen zwei Formen der Digitalisierung. Bei der ersten werden einfach nur analoge Themen ins Digitale übertragen. Bei der zweiten Form wird ein Zusammenspiel genutzt.

Kannst du uns Beispiele für eine Digitalisierung der zweiten Form nennen?

Martin Granica: Jede Verkaufskraft im Einzelhandel kennt diese Situation: Die Kundin bzw. der Kunde scheut sich nicht, den Preis online nachzuschlagen und dann zu verhandeln. Da muss die Verkaufskraft die Möglichkeit haben, entscheiden und kontern zu können. Also verhandeln, ohne den Filialleiter fragen zu müssen. Aber auch Einzelheiten wie etwa die Garantiebedingungen des vermeintlich günstigeren Anbieters prüfen und bei der Verhandlung in die Waagschale werfen zu können.

Ein anderes Beispiel: Früher ist eine Fachkraft mit einem klaren Auftrag auf ein Werksgelände marschiert. Heute geht diese Person mit der VR-Brille* rein, erfasst mehrere Probleme gleichzeitig und kann über einen digitalen Zwilling** und einen virtuellen Experten, der sich mit den technischen Details besser auskennt als dieser Mensch selbst, punktgenau und sicher eingreifen. Nun erfordert es für den Fortschritt aber auch, dass die Fachkraft dementsprechend viel mehr entscheiden und machen können sollte als früher. Sonst bringt die Digitalisierung nichts. Die Digitalisierungserfolge hast du nur, wenn du begleitend die Kompetenzen und Prozesse anpasst.

Vielen Dank für das Interview!


* VR-Brille=Virtual-Reality-Brille

** Ein digitaler Zwilling: Das ist bei diesem Beispiel die Maschine oder eine ganze Anlage in digitaler Abbildung, so Martin Granica. Und an dem Zwilling kann ein Roboter oder ein Mensch (remote) anweisen, wie der Mensch vor Ort zu handeln hat.

Es geht bei der Digitalisierung um mehr als technische Umsetzung. Es geht um das Anpassen von Kommunikations- und Entscheidungsprozessen. Haben Sie auch diese Erfahrung gemacht? Erzählen Sie es mir. > Kontakt

Martin Granica kenne ich seit über 15 Jahren als leidenschaftlichen Unternehmer, Entrepreneur und Organisationsentwickler. Derzeit leitet er an der Westfälischen Hochschule ein Innovationsprojekt mit Studierenden. Zusammen mit Dr. Ulla Domke erläutert er im Buch „Mutig führen“ wie in Unternehmen die Lust auf Verantwortung geweckt wird.

> Links zu Martin Granica: XING und LinkedIn

> Link zum Buch „Mutig führen“: Schäffer Poeschel Shop und Amazon

> Link zur Westfälischen Hochschule



Lieber analog sterben als digital experimentieren? Wie erleben Sie deutsche Unternehmen? Schreiben Sie mir dazu. Nennen Sie mir Beispiele oder senden Sie mir Ihre Fragen und ich greife diese in meinem Blog auf. > Kontakt



Der Austausch mit Ihnen und meinen Interviewpartnern gehört für mich zu meinem Prinzip der Ideen- und Strategie-Entwicklung: Input erzeugt Output. Entdecken, erforschen, reflektieren und dann selbst entwickeln.

Mehr über mein Vorgehen: > Beratung


Bildquellen:

1. Foto by Eunice Stahl on Unsplash: > zum Bild

2. Foto by Martin Granica

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